Protest mit Ablaufdatum – warum die AfD ausgerechnet den Menschen auf dem Land schadet (aber nicht nur dort)
Ein Kreuz aus Protest – und dann?
Morgens im Bus in oder aus Richtung Dorf und Kleinstadt: Pflegekräfte, Azubis, Handwerkerinnen, Rentner, alle mit ähnlichen Sorgen – steigende Preise, knapper Lohn, unsichere Rente, ewige Funklöcher und ein Busfahrplan, der eher an Wunschdenken erinnert als an verlässliche Daseinsvorsorge. Da wirkt die AfD für manche wie eine laute, einfache Antwort: einmal Protest, einmal „Denkzettel“, einmal „es denen da oben zeigen“. Nur: Dieser Protest hat ein Ablaufdatum – und das trifft am Ende genau die Menschen, die sich heute besonders abgehängt fühlen.
Die AfD inszeniert sich gern als Partei der „kleinen Leute“ und der Beschäftigten, die sich gegen „die da oben“ stellt. Schaut man aber in Programme, Anträge und Analysen zu ihrer Steuer- und Sozialpolitik, zeigt sich ein anderes Bild: Viele Vorhaben nutzen vor allem Vermögenden und Unternehmen – während Beschäftigte, Menschen mit niedrigen Einkommen und ländliche Regionen langfristig verlieren. (https://www.dgb.de/gerechtigkeit/demokratie/afd-der-feind-der-beschaeftigten/)
Steuerpolitik: Entlastung für große Vermögen
Wer im ländlichen Raum lebt, ist meist auf funktionierende öffentliche Infrastruktur angewiesen: Straßen, ÖPNV, Krankenhäuser, Schulen, Kitas, digitale Netze. All das wird aus Steuern finanziert. Die AfD fordert in ihrem Bundestagswahlprogramm 2025, die Vermögensteuer endgültig abzuschaffen, die Erbschaftsteuer wegfallen zu lassen und auch die Grundsteuer abzuschaffen.
- In ihrem Wahlprogramm 2025 schreibt die AfD, sie wolle die Vermögensteuer endgültig streichen und die Erbschaftsteuer vollständig abschaffen. (https://www.bundestagswahl-bw.de/wahlprogramm-afd)
- Im Bundestag hat die AfD-Fraktion in einem Antrag ausdrücklich gefordert, Erbschaft- und Schenkungsteuer ersatzlos zu beseitigen, weil sie diese als „Substanzsteuern“ und angeblich „ungerecht“ einstuft. (https://www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-942906)
Erbschaftsteuer und eine mögliche Vermögensteuer treffen vor allem große Vermögen – Erben von Millionen, große Betriebsvermögen, umfangreiche Immobilienportfolios. Wenn diese Steuern wegfallen, profitieren vor allem die reichsten Haushalte. Der Staat verliert Einnahmen, die für Investitionen in Schulen, Kliniken, Busse und Pflegeheime gerade in strukturschwachen Regionen dringend nötig sind. Während die AfD also von sich behauptet, eine Alternative für Arbeiterinnen und Arbeiter zu sein, lehnt sie laut Analysen von Gewerkschaften und Studien jede stärkere Besteuerung großer Vermögen ab und stellt sich gegen Vorschläge zur Umverteilung von oben nach unten. (https://www.smartsteuer.de/blog/2025/01/30/die-steuerplaene-der-afd-zur-bundestagswahl-2025/)
Sozialpolitik: Völkischer Blick statt soziale Sicherheit
In ihrer öffentlichen Rhetorik macht die AfD Geflüchtete und Schutzsuchende zur Hauptursache für Probleme bei Mieten, Schulen, Gesundheitssystem und Arbeitsmarkt. Sozialpolitische Fragen werden laut Deutschem Gewerkschaftsbund (DGB) nicht als Konflikt zwischen Kapital und Arbeit betrachtet, sondern als „Wir gegen die“, wobei Minderheiten zum Sündenbock gemacht werden.
- Eine Expertise der Heinrich-Böll-Stiftung fasst die Linie zentraler AfD-Akteure so zusammen: Die Partei setzt in der Sozialpolitik auf radikal marktorientierte Konzepte, lehnt einen starken Sozialstaat ab und will die Staatsquote senken. (https://www.boell.de/sites/default/files/2016-6-wie-sozial-ist-die-afd.pdf)
- Konkrete Vorschläge etwa zu Mindestlohn, Hartz-IV-Nachfolgesystemen oder einer stabilen Arbeitslosenversicherung bleiben oft vage, widersprüchlich oder werden mit Forderungen nach Kürzungen verknüpft. (https://www.boell-thueringen.de/sites/default/files/importedFiles/2025/02/27/zur-sache_2024_web.pdf)
Für Beschäftigte, Menschen in Niedriglohnbereichen, Alleinerziehende und Arbeitslose bedeutet das: Der ohnehin unter Druck stehende Sozialstaat würde weiter ausgedünnt, während die AfD gleichzeitig ein Klima schafft, in dem gesellschaftliche Gruppen gegeneinander ausgespielt werden. Gerade auf dem Land, wo soziale Infrastruktur – von Kitas über Pflegeangebote bis zu Beratungsstellen – schon heute dünner ist, wäre ein weiterer Rückzug des Staates besonders spürbar.
Rente: Viel Pathos, wenig Sicherheit
Die AfD gibt sich gern als Anwältin „kleiner deutscher Rentner“, doch Analysen ihrer Rentenpläne zeigen offene Baustellen und Risiken. Eine Studie zur Sozialpolitik der AfD kommt zu dem Ergebnis, dass zentrale Konzepte nicht solide gegenfinanziert sind und Privatisierung sowie völkische Unterscheidungen eine große Rolle spielen.
- Die Analyse „Antisozialer Patriotismus: Die Rentenpläne der AfD“ beschreibt, dass die AfD eine stärkere Orientierung an „deutschen“ Familien und eine stärkere private Vorsorge betont, während kollektive, solidarische Sicherungssysteme geschwächt würden. (https://www.blaetter.de/ausgabe/2019/september/antisozialer-patriotismus-die-rentenplaene-der-afd)
- Für Menschen mit unterbrochenen Erwerbsbiografien, Minijobs oder niedrigen Löhnen – wie sie im ländlichen Raum häufig vorkommen – steigt damit das Risiko von Altersarmut. (https://www.boell.de/sites/default/files/2016-6-wie-sozial-ist-die-afd.pdf)
Wer heute in Pflege, Handwerk, Handel oder auf dem Bau arbeitet und ohnehin wenig Spielraum zum privaten Sparen hat, wäre von solchen Konzepten besonders betroffen. Eine Partei, die Reiche steuerlich entlasten und den Sozialstaat zurückfahren will, ist keine verlässliche Garantin für stabile Renten im ländlichen Raum. (https://www.fr.de/politik/gegen-die-interessen-von-beschaeftigten-was-die-afd-mit-der-arbeiterschaft-vorhat-92991050.html)
Arbeit und Löhne: Gegen Interessen der Beschäftigten
Gewerkschaften wie der DGB und die IG Metall warnen ausdrücklich davor, die AfD als „Arbeiterpartei“ zu missverstehen. Sie verweisen darauf, dass AfD-Abgeordnete in Parlamenten wiederholt gegen Maßnahmen gestimmt haben, die Beschäftigte stärken sollen, und dass sie Tarifbindung und starke Gewerkschaften kritisch sehen. (https://www.fr.de/politik/gegen-die-interessen-von-beschaeftigten-was-die-afd-mit-der-arbeiterschaft-vorhat-92991050.html)
- Laut DGB und Medienberichten hat die AfD etwa die Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns kritisiert und sich gegen mehr Tarifverträge ausgesprochen; in einem Landesparlament brachte sie einen Gesetzentwurf ein, um das Tariftreuegesetz abzuschaffen. (https://www.dgb.de/gerechtigkeit/demokratie/afd-der-feind-der-beschaeftigten/)
- In Materialien unter dem Titel „AfD: Der Feind der Beschäftigten“ fasst der DGB zusammen, dass die AfD gegen Vorschläge gestimmt habe, die eine stärkere Besteuerung großer Vermögen und mehr soziale Gerechtigkeit vorgesehen hätten. (https://www.fr.de/politik/gegen-die-interessen-von-beschaeftigten-was-die-afd-mit-der-arbeiterschaft-vorhat-92991050.html)
Für Beschäftigte im ländlichen Raum – vom Logistikzentrum über Handwerksbetriebe bis zum Pflegeheim – würde eine Politik mit schwächerem Mindestlohnschutz, weniger Tarifbindung und einem insgesamt schwächeren Sozialstaat bedeuten: mehr Unsicherheit, weniger Lohnsteigerungen und schlechtere Arbeitsbedingungen. Protest, der als „Denkzettel“ gedacht war, läuft Gefahr, in einer ganz konkreten Verschlechterung des eigenen Alltags zu enden.
Was das für den ländlichen Raum bedeutet
Wenn Reiche weniger Steuern zahlen, Sozialleistungen ausgedünnt und Renten unsicherer werden, leidet zuerst die öffentliche Infrastruktur – und damit das Leben auf dem Land.
- Weniger Einnahmen aus Steuern auf große Vermögen und Erbschaften erschweren Investitionen in Straßen, ÖPNV, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Schulen und Kitas, die gerade in ländlichen Regionen ohnehin unterfinanziert sind. (https://www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/policy_papers/PDF/2025/IW-Policy-Paper_2025-Substanzsteuern-Wahlprogramme.pdf)
- Ein schwächerer, völkisch aufgeladener Sozialstaat verschärft soziale Spaltungen und erschwert den Zusammenhalt in Dörfern und Kleinstädten, in denen Vereine, Feuerwehren und Ehrenamt auf Solidarität und Vielfalt angewiesen sind.
Der vermeintliche „Protest“ gegen „die da oben“ trifft am Ende die Menschen, die auf gutes öffentliches Angebot, solidarische Sicherung und faire Löhne angewiesen sind – also Pflegekräfte, Busfahrer, Verkäuferinnen, Handwerker, Rentnerinnen und viele andere im ländlichen Raum. Genau für sie ist die AfD nach Einschätzung von Gewerkschaften, Studien und zivilgesellschaftlichen Initiativen keine Alternative, sondern ein Risiko für die eigene Zukunft. (https://www.aktiv-gegen-diskriminierung.info/hintergrund/afd)
Protest ja – aber nicht gegen die eigene Zukunft
Wut und Frust über Stillstand, überlastete Dienste und fehlende politische Antworten sind real, gerade außerhalb der Großstädte. Sie verdienen ernsthafte, soziale Politik, die Ungleichheit abbaut, öffentliche Infrastruktur stärkt und Menschen Sicherheit gibt. Eine Partei, deren Programmatik vor allem große Vermögen schont, den Sozialstaat schwächen will und Beschäftigte, Minderheiten sowie Geflüchtete gegeneinander ausspielt, bietet dafür keinen tragfähigen Weg.
Protest ist wichtig – aber er sollte sich nicht gegen den eigenen Busfahrplan, die eigene Rente und die Zukunft des eigenen Dorfes richten. Protest mit Ablaufdatum bedeutet: Die kurzfristige Genugtuung über eine „Denkzettel“-Stimme wird langfristig teuer bezahlt – mit weniger sozialer Sicherheit, schlechterer Infrastruktur und einem raueren Klima vor Ort. Alternative Wege sind vorhanden: Engagement in Initiativen, Gewerkschaften, Vereinen und demokratischen Parteien, die tatsächlich für bessere Löhne, stabile Renten und starke Regionen kämpfen.
